Die Kunst zu Wohnen. Ein Augsburger Klebealbum des 18. Jahrhunderts

23. November 2010 bis 20. Februar 2011

Balthasar Cornelius Koch, Augsburger Klebealbum,
Balthasar Cornelius Koch, Augsburger Klebealbum, Perlachplatz (Ausschnitt), um 1780

Augsburg war seit dem 16. Jahrhundert nicht nur eine Hochburg für den Buchdruck und die grafischeProduktion, hier entstanden ebenfalls sogenannte "Klebealben". Diese wurden angelegt, um Kindern und Heranwachsenden aus bürgerlichen Familien die Welt zu erklären.
Die Jugendlichen schnitten aus eigens zu diesem Zweck herausgegebenen Bögen historische oder biblische Figuren, Tiere oderberühmte Bauwerke aus und klebten sie in gedruckte Vorlagen ein. Auch andere Druckgrafiken, Buntpapiere oder sogar Stoffe wurden zerschnitten und in die Klebealben eingefügt.
Das hier ausgestellte Klebealbum wurde nach 1780 für die Juwelierstochter Regina Barbara Waltherangelegt. Teile des Albums wie gezeichnete und kolorierte Figuren und Raumsituationen wurdenvermutlich bei dem Zimmerpolier Balthasar Cornelius Koch in Auftrag gegeben. Auf den Seiten blieb aber genügend Platz, so dass Regina Barbara selbst Figuren ausschneiden und einkleben konnte. Das Album stellt "die Kunst zu Wohnen" vor und verschafft den Betrachtern so bis heute einen Einblick in das Leben des Augsburger Bürgertums im 18. Jahrhundert.

Was ist ein Klebealbum?


Klebealben wurden entweder in Auftrag gegeben, oder von Eltern und Kindern gemeinsam angelegt. Dabei gab es zwei unterschiedliche Arten von Klebealben: Die so genannten enzyklopädischenBilderbücher sollten den Kleinen die ganze Welt erklären – von biblischen Themen bis hin zu exotischen Pflanzen und Tieren. Man nennt sie deshalb auch "orbis pictus" – gemalte Welt.
Das Klebealbum der Regina Barbara Walther gehört der zweiten Gattung an, dem "Puppenhausim Buchformat". Diese Klebealben richteten sich Heranwachsende aus begüterten Familien. Einige Porträts solcher potentieller Adressaten sehen wir in diesem Raum. Durch das Betrachten der Seiten sollten zukünftige Hausmütter und -väter lernen, wie ein perfekter Haushalt organisiert ist. Deshalb konnten auch einige Türen und Schränke geöffnet werden.
Immer kann man auch zentrale, belebte Plätze in Augsburg betrachten.
Die Stadt wurde Symbol eines perfekt funktionierenden Gemeinwesens.

Ein Blick in einen kleinen Augsburger Salon


Das Klebealbum stellt die Räumlichkeiten eines bürgerlichen Wohnhauses vor: Über Einfahrtshallen,Treppenhäuser und Dielen gelangte man in die auf verschiedenen Stockwerken verteilten Zimmer.
Im Erdgeschoss befanden sich Lagerräume und Ställe. Oft war das Gesinde in Seitentraktenuntergebracht, dort lagen auch die Küchen und Vorratskammern. Über Gesindegänge waren dieWohnräume der Hausbesitzer für das Personal erreichbar.
Das erste Stockwerk wurde in Anlehnungan das italienische "Piano nobile" und die französische "Belle étage" auch "schönes Geschoss"genannt. Hier befanden sich die Gesellschaftsräume, die Appartements. Deren Wände waren mit Seiden-Kattuntapeten verkleidet, die Decken mit Stuck verziert und die Böden mit Parkett belegt. Die Einrichtung bestand aus kostbaren Möbeln, Geschirren und Bildern.
Höhepunkt eines Appartementswar der Festsaal. In den Salons wurden Besucher empfangen, es wurde musiziert, getanzt und gespielt.
Neben diesen repräsentativen Räumen gehörten zu einem Appartement aber auch private Gemächer, wie im Fall des Augsburger Klebealbums z.B. auch mehrere Schlafzimmer, einschließlich eines Kinderzimmers. Die bis heute erhaltene feste Ausstattung des Schaezlerpalais lässt darauf schließen, dass es hier im Inneren wohl ähnlich aussah.

Die Didaktik des Spielzeugs


Im 18. Jahrhundert diente Spielzeug dazu, Kinder auf ihre späteren Aufgaben als Erwachsenevorzubereiten. Sie wurden also als didaktische Instrumente genutzt.
Ähnlich wie die Klebealben sollten Puppenhäuser und Puppenstuben einen perfekt organisierten Haushalt demonstrieren.
Dioramen aus Papier und Guckkästen hingegen konnten kaum zum Spielen verwendet werden. Ihre tiefenräumlicheWirkung jedoch verblüffte Kinder ebenso wie Erwachsene. Da die Guckkastenbilder häufig hier gedruckt wurden, zeigen sie oft das Stadtbild Augsburgs, das dadurch weit über seine Grenzenhinaus bekannt wurde.
Ganz ähnlich wie die Dioramen waren die Papiertheater aufgebaut, auf denen tatsächlich Dramen gespielt werden konnten. Ausschneidebögen und Klebealben dienten ferner auch dazu, das handwerkliche Geschick der Kinder zu fördern. Nebenbei konnten die Eltern ihren Kindern die Berufe der Figuren und die Funktionen der Gegenstände erklären. Die Darstellungen mussten sauber ausgeschnitten und sinnvoll eingeklebt werden.
Einige Ausschneidebögen zeigen sogar, mit welchen anderen Spielzeugen Kinder aus bürgerlichen Familien im Augsburg des 18. Jahrhunderts spielten.

Das Klebealbum und die Freie Reichsstadt Augsburg


Die ersten beiden Seiten des Albums zeigen zwei wichtige Plätze im Zentrum Augsburgs – den Perlachplatz mit Rathaus, Perlachturm und Herrentrinkstube, sowie den Annaplatz mit dem Wohnhausvon Johann Georg Walther, dem Auftraggeber des Klebealbums. Das Bilderbuch thematisiert also auch das wohl geordnete Gemeinwesen der Freien Reichsstadt.
Im letzten Drittel des 18. Jahrhundertslebten in Augsburg ungefähr 30.000 Menschen. Die Stadt war paritätisch organisiert, das heißt, Protestanten und Katholiken lebten gleichberechtigt zusammen. Augsburg war zudem eine wichtige Bankiers-, Verlags und Handelsstadt.
Außerdem blühte das Handwerk, hier wurden Stoffe (Kattune) aber auch Fayencen, Silber oder Uhren und Automaten hergestellt. Solche Luxusgüter aus heimischer Produktion sehen wir auch im "Klebealbum-Haus".
Auf den Plätzen und Straßen wurden Märkte abgehalten. Die meisten Straßen waren gepflastert, es gab sogar eine Straßenbeleuchtung, beides ist auf den Seiten des Klebealbums zu sehen.
Den wohlhabenden Bewohnern – nur wenige waren jedoch so begütert wie die Besitzer des Augsburger Klebealbums – dienten Gärten, Festplätze und Kaffeehäuser zur Zerstreuung. In Journalen informierten sie sich über die neueste Mode. Romane und Zeitungen fanden unter ihnen eine zunehmende Leserschaft.

 

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog im Deutschen Kunstverlag.

Öffnungszeiten:
Di 10-20 Uhr und Mi bis So 10-17 Uhr