Hausmadonnen in Augsburg

13. April bis 23. Juni 2013

Maria mit Kind, Georgenstraße 43
Maria mit Kind, Georgenstraße 43, Holzskulptur, farbig gefasst, Privatbesitz Augsburg


Hausmadonnen und Hausheilige aus Stein oder Holz prägen bis heute das Stadtbild Augsburgs.
Seit dem Spätmittelalter war es Brauch, das Haus unter den Schutz eines Heiligen zu stellen. Unter ihnen genoss die Gottesmutter Maria besondere Verehrung.
Eine Blüte erlebte dieser Brauch im 18. Jahrhundert zur Zeit des Barock.

Erstmals veranstaltet das Maximilianmuseum in Zusammenarbeit mit der altaugsburggesellschaft zu diesem bislang wenig beachteten Thema eine eigene Ausstellung.
Sie lenkt den Blick auf eine Bildwelt, die man oft nur flüchtig wahrnimmt oder ganz übersieht, und spürt auch den Heiligenfiguren nach, die durch Krieg oder sonstige Umstände nicht mehr an den für sie bestimmten Plätzen zu finden sind.


Eintritt in die Sonderausstellung: 2 Euro, ermäßigt: 1,50 Euro

Maria mit Kind, Werbhausgasse 3
Maria mit Kind, Werbhausgasse 3 / Bäckergasse, Lindenholzskulptur, Ehrgott Bernhard Bendel, um 1710/20, Maximilianmuseum Augsburg

Selbst eingefleischte Kenner der Augsburger Kunstgeschichte geraten beim Aufzählen barocker Hausmadonnen im Stadtbild schon nach wenigen Exemplaren ins Stocken. Dabei erbrachte ein mehrjähriges Projekt der altaugsburggesellschaft über dreihundert Hausheilige allein auf dem Gebiet innerhalb der alten Stadtummauerung zutage.
Die Ergebnisse dieses ehrenamtlichen Forschungsprojektes liegen zu Ausstellungsbeginn als umfangreicher Katalog vor.
Begleitend zeigt das Maximilianmuseum aus eigenen Beständen eine bedeutende Gruppe barocker Hausmadonnen, die zum Teil noch nie das Depot verlassen haben. Es sind Meisterwerke aus dem Umkreis des großen Augsburger Bildschnitzers Ehrgott Bernhard Bendel darunter, aber auch Kuriosa, die schwer gezeichnet aus dem Kriegsschutt ins Museumsdepot gerettet worden waren. Dazu gesellen sich weitere Hausmadonnen aus Augsburger Privatbesitz, die im Rahmen des Forschungsprojektes aufgefunden wurden oder durch Initiative der altaugsburggesellschaft restauriert oder zur Wiederaufstellung kopiert werden konnten.

Der Blick auf den künstlerisch und stadthistorisch hochinteressanten Reigen der Hausheiligen erweitert unsere Vorstellungen vom konfessionellen Zusammenleben innerhalb der paritätischen Stadt, er führt eine wichtige Erwerbsquelle für Bildhauer aller Qualitätsstufen vor und dokumentiert die Repräsentation der Hausbesitzer zwischen Reformation, Barock und Industriezeitalter.

Hausmadonnen in Augsburg

Maria mit Kind und Engel, Apothekergässchen 6
Maria mit Kind und Engel, Apothekergässchen 6 / Zeugplatz, Holzskulptur, farbig gefasst und teilvergoldet, um 1700, Maximilianmuseum Augsburg

Hausheilige sind in vielen Kulturen Kennzeichen privater Wohnhäuser. Auswahl, Größe oder materieller Wert der Heiligenfiguren signalisierten den Glauben, aber auch den sozialen Status der Hauseigentümer.
Religiöser Hintergrund ist der Gedanke, das eigene Haus unter den Schutz eines bestimmten Heiligen zu stellen und diese Auswahl auch öffentlich zu machen.
Hausheilige gehörten zur Privatsphäre des Hauses. Sie unterlagen keiner Baukontrolle. Wen oder was der Hausherr an seine Fassade stellte, blieb ihm überlassen. Die Grenzen setzten nicht Gesetze, sondern Traditionen und religiöse Tabus. In Augsburg wurden in den meisten Fällen Marienbilder und Marienfiguren gewählt.
Über 200 erhaltene und nachweisbare Hausheilige im Gebiet der Augsburger Altstadt erzählen von mittelalterlicher Frömmigkeit, reformatorischem Bildersturm, barocken Wallfahrtsbegeisterung und neuen Rollenbildern auch unter den Heiligen im Industriezeitalter.

Eine Auswahl an Hausmadonnen aus dem Bestand des Maximilianmuseums sowie Leihgaben aus Privatbesitz geben einen Überblick über künstlerische Qualität und thematische Vielfalt der Darstellungen. Sie verweist auf denkmalpflegerische Probleme und Chancen beim Erhalt dieser wertvollen Kunstwerke, den sich die altaugsburggesellschaft zur Aufgabe gemacht ha

Das Augsburger Hausmadonnenprojekt

Heiliger Laurentius, Mittleres Pfaffengässchen 21
Heiliger Laurentius, Mittleres Pfaffengässchen 21, Holzskulptur, wohl Werkstatt Gregor Erharts, farbig gefasst, um 1520, Diözese Augsburg

Die heute erhaltenen Augsburger Hausheiligen sind von höchst unterschiedlicher Qualität, doch ist der gesamte Bestand schützens- und erhaltenswert. Manchmal wurden die barocken Originale aus den Nischen entfernt. Hier ließ die altaugsburggesellschaft bildhauerisch exakte Kopien aufstellen, z. B. in der Kohler- und in der Kirchgasse.
Oft brauchen die Skulpturen dringend restauratorische Pflege. Drei kunsthistorisch bedeutsame Beispiele werden hier vorgestellt: ein spätgotischer Laurentius, eine Martinsbüste aus Terrakotta sowie eine Hausmadonna des Rokoko. Alle drei Figuren wurden zurzeit restauriert.
Die Restaurierungsmaßnahmen waren die Initialzündung für das Hausmadonnenprojekt der altaugsburggesellschaft, das als ein mehrjähriges, ehrenamtliches Forschungsvorhaben den aktuellen und historischen Bestand der Hausheiligen in der Augsburger Altstadt erfasst. Ziel war eine lückenlose Fotodokumentation und deren Ergänzung durch die Fotobestände des Stadtarchivs und der Kunstsammlungen Augsburg sowie der Aktenbestände der Denkmalpflege.
Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der altaugsburggesellschaft kontaktierten zudem alle Hausbesitzer. Standardisierte Fragebögen lieferten Informationen zum Haus, zu den Bewohnern und natürlich zur jeweiligen Hausmadonna. Fragen nach der Originalität, dem Zustand der Figuren, nach historischen Fotos und persönlichen Erinnerungen vervollständigten das Bild.

Meisterfragen

Keine der barocken Augsburger Hausmadonnen ist von einem Bildhauer signiert worden, schriftliche Quellen fehlen und auch bei den Hausbesitzern sind keine Künstlernamen überliefert. Doch lassen sich Einzelwerke aufgrund stilistischer Merkmale wichtigen Künstlern zuordnen.
Überragend ist Ehrgott Bernhard Bendel. Geboren um das Jahr 1660, absolvierte er seine Lehre beim Vater, seine sechs Wanderjahre führten ihn nach Rom und Paris. 1684 betrat er als ein Bildhauer von europäischem Rang die Augsburger Bühne, zuerst als Mitarbeiter in Werkstatt des Bildhauers Johann Jakob Rill. 1687 schloss Bendel die Lehre ab, erwarb das Meisterrecht, heiratete und gründete eine eigene Werkstatt. Bendels bildhauerisches Medium ist das Holz. Hier erreicht er seine volle Virtuosität.

Maria, Madonna, Matrona, Patrona

Maria Immaculata, Fünftes Quergässchen 2
Maria Immaculata, Fünftes Quergässchen 2, Lindenholz, Kopie 1980er Jahre

Unter den fast 300 erfassten Hausheiligen bilden die Mariendarstellungen die Mehrzahl. Stark vertreten sind Madonnendarstellungen, also Maria mit Kind. Als Reichspatronin trägt Maria ab dem 17. Jahrhundert statt der königlichen Zackenkrone die kugelige Bügelkrone in Form der Habsburgischen Hauskrone.
Sehr verbreitet ist der Bildtypus der Maria Immaculata. Die "unbefleckt empfangene" Maria veranschaulicht die Vorstellung, dass die hl. Anna Maria als von der Erbsünde Unbefleckte empfangen hat. Maria immaculata wird als junge Frau, ohne Schleier und Krone, in hellen, wehenden Gewändern dargestellt. Sie steht auf der Weltkugel und zertritt die Schlange der Erbsünde. Sehr beliebt waren Gnadenbilder, die mit dem Wirken des Habsburger Kaiserhauses in Verbindung standen. So war das Innsbrucker Gnadenbild Maria Hilf im Zuge der Gegenreformation wie auch der Türkenkriege zu einer politisch-religiösen Staatsikone geworden. Die Muttergottes mit dem geneigten Haupt, der bei den Wiener Karmeliten verehrt wurde, und die Habsburger Hausikone der Maria vom Trost aus der Wiener Augustinerkirche waren eng mit dem Kaiserhaus verbunden und sind auch an Augsburger Hausfassaden vertreten. Sehr populär war die Wallfahrt zum Wunderbarlichen Gut. Das Gnadenbild war eine blutrote Hostie, das Wunderbarliche Gut, welches in Heilig Kreuz verehrt wurde. Die Darstellung seines charakteristischen Schaugefäßes findet sich häufig an den Hausfassaden.

Auch Madonnen haben ihr Schicksal

Hausheilige stehen über Jahrhunderte im Freien. Nur notdürftig sind sie vor Wetter, Vögeln und anderen Unbilden geschützt. Besonders gefährdet sind die Standpartien der Figuren, aber auch vorkragende Körperteile und nicht zuletzt die Jesuskinder. Spätere Generationen sparten oft an der nötigen Pflege. Reparaturen erfolgten vielfach ohne großen Sachverstand. Gerade aber solche Hausmadonnen mit Altersspuren sind besonders wertvolle Geschichtszeugnisse. Beispiele aus dem Maximilianmuseum belegen dies, z. B. eine notdürftig mit Blech reparierte und mit einem ergänzten Christkind versehene Madonna oder eine zweitverwendete Maria, ein Opfer des reformatorischen Bildersturms, die ergänzt und zu einer Hausmadonna umfunktioniert wurde.
Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs sind es vor allem Vorkriegsfotografien, die Aufschluss über verlorene Hausheilige geben. Wertvoll und ergiebig sind die Dokumentationen der städtischen und staatlichen Denkmalpflege.
Mithilfe dieser historischen Fotografien konnte ein Inventar der zerstörten, bzw. verlorenen Objekte erstellt werden. Für einige Figuren, vorwiegend des Maximilianmuseums, und aus Privatbesitz gelang es, den ehemaligen Standort zu ermitteln. Insgesamt konnten 89 Hausmadonnen und Hausheilige ausfindig gemacht werden, die den heutigen Bestand um mehr als zwei Drittel ergänzen.


Informationen aus der Rathauskorrespondenz von Freitag, 12. April 2013

 

 

.......................................................................................................................

Details zum zeitgleich erscheinenden Buch:

Hausmadonnen in Augsburg. Geschichte - Bedeutung – Inventar

Im Rahmen der Ausstellungeröffnung feiert auch das im Deutschen Kunstverlag erscheinende Buch Hausmadonnen in Augsburg seine Premiere.
Die Hausheiligen an den Fassaden der Altstadt gehören so selbstverständlich zum Bild der Stadt Augsburg, dass man sie kaum noch wahrnimmt.
Die altaugsburggesellschaft dokumentiert in dieser Publikation erstmals den mehr als 200 Figuren umfassenden erhaltenen und – soweit möglich – auch den verlorenen Bestand in Wort und Bild. Die Exponate der Ausstellung sind darin inbegriffen. Der nach Straßen geordnete Katalog ist weit mehr als ein praktischer Führer. Ihm vorgestellt sind übergreifende thematische Einführungen zu den Madonnentypen, zu den herausragenden Bildhauern der Barockzeit und zur vergangenen Blüte der Augsburger Fassadenmalerei. Entlang der Hausfassaden und ihren zahlreichen Nischenheiligen wird die Geschichte einer konfessionell geprägten Stadtgesellschaft zwischen Bildersturm und Industrialisierung neu erzählt.

Ulrich Heiß, Stefanie Müller
Hausmadonnen in Augsburg
Herausgegeben von der
altaugsburggesellschaft
160 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 17 x 24 cm, Klappenbroschur
16,90 Euro (während der Laufzeit der Ausstellung ist das Buch in den Museumsshops der Kunstsammlungen und Museen Augsburg für 15 Euro erhältlich)
ISBN 978-3-422-07183-4

.......................................................................................................................

 

MAXIMILIAN MUSEUM
Fuggerplatz 1
D-86150 Augsburg

Eintrittspreise (nur Sonderausstellung): Erwachsene 2 Euro, ermäßigt 1,50 Euro Eintrittspreise (ständige Sammlung + Sonderausstellung): Erwachsene 7 Euro, ermäßigt 5,50 Euro
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr
Kontakt / Führungsbuchung: T 0821-324 4112
Führungen: jeden Samstag 15 Uhr, Maximilianmuseum, Welserhalle

Rückfragen:
Dr. Christoph Emmendörffer
Leiter Maximilianmuseum
T 0821 324 4111
christoph.emmendoerffer@augsburg.de

Stefanie Müller M.A.
altaugsburggesellschaft
T 0821 511701
altaugsburg@freenet.de

 

 

 

Gehe zu:Maximilianmuseum

Sa, 16. Dezember 2017, Turnusführung Sonderausstellung: Kleine Welten

15 Uhr: Turnusführung durch die Sonderausstellung...

mehr >>>

Gehe zu:Maximilianmuseum

So, 17. Dezember 2017, Turnusführung: Maximilianmuseum

15 Uhr: Turnusführung durch die Dauerausstellung...

mehr >>>