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Weinold, Felix

*1960 in Augsburg
lebt und arbeitet in Augsburg

 

American Portrait J.C.

Ein zentrales Werk innerhalb der jüngeren Vergangenheit des Künstlers ist die sechsteilige Werkreihe American Portrait. Es handelt sich um eine Folge von sechs quadratischen Tafeln gleichen Formats, denen jeweils eine s/w-Fotografie zu Grunde liegt. Die Fotografien sind als formatfüllende Bildfonds angelegt, über welche sich in der vertikalen Bild-Mittelachse je ein breiter Farbstreifen zieht. Die Fotos zeigen Köpfe männlicher Personen, soviel ist klar. Erkennbar sind diese jedoch nur fragmentarisch. Die gleichförmige Frontalität und Position aller fotografierten Personen im Bildfeld lässt nur partiell deren Frisuren, Ohren oder Schulteransätze sichtbar werden. Ein weiteres Erkennen ihrer Gesichter wird durch die leuchtenden Farbbahnen unmöglich gemacht, die sich mit unerbittlicher Klarheit wie sinnlos schöne Störfelder einer defekten Bildröhre darüber ziehen. Zugleich wird die Farbe damit aber auch zur Aussparung dessen, was wir als die „eigentliche“ Bildinformation vermuten könnten: Gesichtsausdruck, Charakter, Personalität, Identifizierbarkeit – zentrale Funktionen des Porträts also, werden eliminiert, überlagert, ausgelöscht. Eine Annäherung an die dahinterstehenden individuellen Realpersonen kann nicht stattfinden.

Dieses Vorgehen erhellt sich, wenn man sein Zustandekommen kennt. Im Internet stieß Weinold auf die Fotografien in Amerika in den 1920er Jahren hingerichteter junger Männer, die er zum Ausgangspunkt seiner Arbeit machte. Hinweise auf ihre Identität ließ er bewusst weg, lediglich die Initialen ihrer Vor- und Zunamen tauchen im Bildtitel auf. Die ästhetische Zuspitzung, die der Künstler hier treibt, ist vor diesem Hintergrund in einer erweiterten Sinnebene zu lesen: Das abstrakte Element der Farbe in Weinolds Arbeit ist nicht nur ästhetisch motiviert, sondern wirkt wie ein geradezu brutaler „Einbruch“ in die Realsphäre. Die monochromen Farbpartien fungieren in Bezug auf die Fotografien auch als Leerräume, als Nivellierung des Tatsächlichen, die der Identitätszerstörung der Hingerichteten entspricht, deren reales Sein mit derselben unbarmherzigen Brutalität und Gnadenlosigkeit ausgelöscht wurde, wie sie den Verbrechen zu Grunde gelegen haben mag, für die man sie schuldig befand. Es ist eine harte Analogie, die American Portrait entwirft.

Weinolds Werk wird durch sie nicht zu einem moralisierenden Kunstentwurf, aber zu einem ästhetisch einfach-klaren Bild, das die Prinzipien moralischer Vorstellungen ästhetisch analogisiert und den Automatismus einer Rechtssprechung, welche die Todesstrafe einmal verhängt hat, als ein Stereotyp dieser Moral aufzeigt.

2000 Digit. Airbrush / Leinwand / Holz 150 x 150 cm